Edin Hasanović Instagram – 1. Juni 1992
Nichts neues. Alles wie die letzten 31 Jahre. So lange schon keine Überreste. Kein Grab. Keine Ruhe.
Immer weniger Hoffnung. Dagegen, dass diese nicht komplett erlischt kämpft noch etwas kleines in mir. Hoffnung weicht der hilflosen Verzweiflung.
Ich bin müde. Warum sollte jetzt der Anruf kommen, auf den ich mein ganzes Leben schon warte.
Wird überhaupt noch gesucht? Woher soll ich das wissen? Gibts jemanden der jemanden kennt? Aus Bosnien heißt es, die Menschen die für diese Suchorganisation arbeiten, wollen einfach nicht arbeitslos werden und halten deswegen Skelette zurück. Stimmts? Keine Ahnung, was könnte ich schon dagegen tun…
Soweit ist es schon, dass ich durch Social Media versuche zu erfahren, ob nach den Überresten meines Vaters überhaupt gesucht wird und warum es Jahrzehnte dauert.
750 Männer aus der Umgebung KLISA werden 1992 von Tschetniks im Zuge des Krieges in Bosnien verschleppt.
Unter ihnen, mein Vater und seine Brüder.
Mein Babo, so nennt man bei uns den Vater- ein Wort, das ich nie sagen durfte- konnte sich nicht mal von uns verabschieden. Er trug mich in seinen Händen. Ein Tschetnik stellt ihn vor die Wahl, den Säugling in den Fluss zu werfen oder seiner Frau zu übergeben. „Pass gut auf ihn auf“, sagt er. Dann- ein letzter Blickwechsel zwischen Mama und Papa. Ohne zu wissen, dass es ihr letzter sein wird. Er wird auf einen Lkw gepfercht. Meine Oma verliert an diesem Tag 3 Söhne. Nie wieder wird man etwas von ihnen hören.
Dieser Anhänger ist von ihm übrig geblieben, den ich immer mit mir trage. Eingraviert: „Volim te“- ich liebe dich. Als hätte er gewusst wie viel Kraft er mir mein Leben lang damit schenken wird. | Posted on 01/Jun/2023 12:54:31



